„Der Acker ist unser Herzstück“ – 6 Jahre GemüseAckerdemie an der Orientierungsstufe der Diakonie Salzburg
Raus aus dem Klassenzimmer, rein ins Beet! – Die Schüler*innen der Orientierungsstufe beim Ackern. Orientierungsstufe der Diakonie Salzburg
Vor sechs Jahren starteten die Schüler*innen und Lehrer*innen der Orientierungsstufe der Diakonie Salzburg mit unserem Bildungsprogramm GemüseAckerdemie. Heute ist der grüne Lernort zu einem festen Bestandteil des Schulalltags geworden. Im Interview sprechen wir mit der Schulleiterin Ines Fischer über ihr Gespür fürs Garteln, anfänglichen Herausforderungen und Unsicherheiten – und darüber, warum der Acker inzwischen das Herzstück der Schule ist.
Ines Fischer im Interview
Schulleitung der Orientierungsstufe der Diakonie Salzburg
Im Jahr 2018 habt ihr mit der GemüseAckerdemie begonnen und wart damals einer unserer ersten Lernorte in Österreich. – Wie sieht Ackern heute bei euch aus?
Mein Arbeitsweg in die Schule führt mich direkt an unserem Feld vorbei. Meist bleibe ich kurz stehen und überlege, was heute gemacht werden muss: Welche Pflanzen müssen wir gießen? Wo müssen wir hacken? Welche Beete benötigt frischen Mulch? Danach gehe ich in die Klasse und bespreche mit den Schüler*innen, was es zu tun gibt. Das ist mittlerweile zu einer Routine geworden. Zu Beginn des Projektes war das anders: Damals habe ich sehr viel für die Zeit am Acker vorbereitet, um dann festzustellen, dass es das eigentlich gar nicht benötigt. Heute habe ich ein gutes Gespür dafür, was der Acker braucht und wie ich mit meinen Schüler*innen Unterricht am Feld mache.
Wie hat sich dieses „Gespür für den Acker“ entwickelt?
Ich war zwar immer schon am Gemüseanbau interessiert, aber einen „Grünen Daumen“ hatte ich nicht. In den ersten zwei bis drei Jahren haben wir Lehrer*innen extrem viele Fortbildungen von der GemüseAckerdemie besucht. Das war total wertvoll und bereichernd. Unser ganzes Team war involviert und ich finde da haben wir am meisten mitgenommen. Besonders hilfreich waren dann aber auch eure AckerInfos (Anm. d. Red.: wöchentlicher Newsletter mit saisonalen Tipps und Einblicken rund um den Acker). Dadurch bekommt man tolle „Häppchen“ was es auf dem Acker gerade zu beachten gibt.
Befindet sich euer Acker noch am Bauernhof der Familie Glück?
Ja genau, wir sind immer noch dort und bekommen so viel Fläche wie wir gerade brauchen. Das ist zwar schon ein Stück von der Schule entfernt, aber wir können am Hof unsere Gartengeräte, Gummistiefel und die Acker-Kleidung lagern. Der Bauernhof der Familie Glück ist zu einem weiteren Schulstandort geworden. Wir helfen auch immer noch bei der Stallarbeit mit und in den Sommerferien unterstützt uns die Bäuerin Carmen mit der Ackerpflege und -ernte.
Wie selbstständig seid ihr beim Gärtnern geworden? Wo braucht ihr noch Unterstützung?
Obwohl ich erst seit vier Wochen wieder aus meiner Karenzzeit zurück bin, traue ich mir sagen, dass wir das Feld schon sehr selbstständig beackern können. Mittlerweile weiß ich einfach welches Gemüse bei uns wie wächst und was es dazu braucht. Ich weiß auch, welche Pflanzen es bei uns aufgrund der klimatischen Bedingungen schwer haben. Ich würde zum Beispiel keine Tomaten mehr einsetzen. Auf dem Feld sind diese dem Wetter stark ausgesetzt und werden meist umgeweht oder verdursten. In keinem Jahr haben die Tomatenpflanzen bei uns überlebt. Aber wie gesagt, das kann ich erst jetzt durch unsere gesammelten Erfahrungen selbstständig einschätzen.
Unterstützung brauchen wir noch bei den guten und schlechten Gemüse-Nachbarschaften. Also was setze ich nebeneinander und was besser nicht. Und manchmal fällt es uns nach der Aussaat noch schwer zu erkennen, was eine Gemüsepflanze ist und was Unkraut. Aber zu all diesen Themen habt ihr ja auch tolle Materialien auf eurer Lernplattform. Hier kann man sich gut einlesen. Ihr bietet wirklich zu jeder Problemstellung einen Lösungsvorschlag, weshalb ich zukünftig auch weiter mit der Lernplattform arbeiten möchte.
Was waren in den letzten Jahren die größten Herausforderungen?
Mit meiner Kollegin, mit der ich das Projekt gestartet habe, bin ich vor zirka eineinhalb Jahren fast zeitgleich in Karenz gegangen. Dann sind neue Lehrpersonen nachgekommen, die mit dem Ackern erstmal nichts am Hut hatten. Ich glaube am Anfang ist es ihnen nicht leicht gefallen das Feld zu übernehmen, da sie kaum Wissen zum Gemüseanbau hatten. – Woher auch? Ich finde es wahnsinnig toll und mutig, dass sie das Projekt trotzdem weiterführten. Sie haben das total durchgezogen, obwohl es eine große Herausforderung war. Dafür bin ich sehr dankbar!
Warum ist die GemüseAckerdemie wichtig für euch?
Hätte ich das Programm nicht entdeckt, dann gäbe es zwar vielleicht einen Schulacker, aber nicht mit einer solchen Gemüsevielfalt, wie wir sie heute haben. Wahrscheinlich hätten wir nur Gemüse angebaut, dass wir bereits kennen und mögen.
Wie ist der Acker heute in den Schulalltag integriert?
Für mich ist der Acker das Herzstück der Schule! Jeden Donnerstag sind wir mit unseren Schüler*innen dort, das ist bei uns bereits Normalität. Wir sind an diesen Tag gebunden, egal wie das Wetter ist. Das finde ich aber eigentlich ganz gut. Denn wir sind eine berufsvorbereitende Schule und möchten ja auch einen realitätsnahen Einblick in die Arbeitswelt vermitteln. Also wenn man später zum Beispiel Gärtner*in ist, muss man eben auch rausgehen, wenn es regnet oder kalt ist.
Wie unterscheidet sich der Unterricht am Acker vom Unterricht im Klassenzimmer?
Der Unterricht draußen ist einfach wahnsinnig vielseitig. Jede Woche gibt es eine Überraschung beim Ackern. Es sind zwar nicht immer alle motiviert, manche nie, aber das ist im Klassenzimmer auch nichts anderes. Das Schwierigste am Unterricht draußen ist es wohl, die Schüler*innen zusammenzuhalten, damit alle am Feld bleiben. Manchmal ist das schon anstrengend, trotzdem bin ich im Unterricht mit den Kindern viel lieber draußen als drinnen.
Wie hat sich das Ackern über die Jahre verändert?
Für mich ist es viel einfacher geworden. Letztens beim Unkrautjäten hatte ich zwar mal wieder eine kleine Karotte in der Hand, aber aus den eigenen Fehlern lernt man am besten. Eine Fehlerkultur zu etablieren und zu pflegen finde ich wichtig. Klar ist es schade, wenn ein Pflänzchen kaputtgeht, aber es ist auch okay. Wir vermitteln das den Schüler*innen ganz ohne Druck. Denn bei uns setzt sich öfters mal jemand in den Salat.
Voller Einsatz am Acker mit Scheibtruhe und Gummistiefeln. Orientierungsstufe der Diakonie Salzburg
Gemeinsam anpacken! – Die Schülerinnen sammeln Mulch für ihre Beete. Orientierungsstufe der Diakonie Salzburg
Das „Herzstück“ der Orientierungsstufe der Diakonie Salzburg am Bauernhof der Familie Glück. Orientierungsstufe der Diakonie Salzburg
Welche Kompetenzen haben die Kinder durch den Schulgarten entwickelt?
Der Umgang mit den Gartengeräten fällt ihnen mittlerweile sehr einfach. Die Schüler*innen wissen, wie sie die Werkezuge nutzen und was sie damit machen können. Und, dass die Geräte bei falscher Anwendung auch nicht ungefährlich sind! Ich merke, dass sich durch das Ackern bei den Kindern motorisch viel verändert hat.
Außerdem haben sie ein gutes Gespür für den Warenkreislauf bekommen: Was braucht es, bis wir Tomaten ernten können, die dann ins Ketchup kommen? Wie viele Früchte benötigen wir für eine Marmelade? Aber auch der Faktor Zeit wird durch den Gemüseanbau besser verständlich. Wie lange dauert es vom Samen bis zur Frucht? Die Kinder lernen nicht nur die Grundbedürfnisse von Pflanzen kennen, sondern auch die Wertigkeit von Lebensmitteln. Mit diesem Wissen geht man anders mit der Welt um. Über das Ackern bekommen die Schüler*innen einen direkten Bezug zu Umwelt und Natur.
Was motiviert dich persönlich beim Ackern?
Ich möchte meinen Schüler*innen zeigen, wie gut Gemüse schmeckt, wenn man es selbst anbaut. Denn Gemüse, dass man im Supermarkt kauft, ist bei weitem nicht so lecker, wie das eigene. Was mich aber besonders motiviert ist, dass die Kinder und Jugendlichen am Ende der Schulzeit meist mehr Gemüse-Wissen haben als ihre Eltern. Das ist super für ihr Selbstbewusstsein und macht sie total stolz! Nun sind die Kinder die Expert*innen und kennen sich besser aus als Mama und Papa.
Was würdest du als AckerLehrerin heute anders machen?
Tendenziell würde ich kleiner starten und dann größer werden. Also mit wenigen Beeten beginnen und dann schauen, wie viele man noch dazunehmen kann. Wir hatten zu Beginn gleich 11 oder 12 Beete und obwohl wir personaltechnisch sehr gut aufgestellt sind, waren wir etwas überfordert. Heute haben wir sieben Beete und kommen damit gut zurecht.
Was wünschst du dir für die Zukunft eures Ackers?
Ich wünsche mir, dass es weitergeht! Und dass alle zusammen ackern. Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern, Großeltern, Freunde, Nachbarn. Ich würde es toll finden, wenn es noch mehr Kooperationen gäbe. Mit der Mittelschule hatten wir mal eine Zusammenarbeit für die Ferienbetreuung des Ackers. Das hat super funktioniert und das möchten wir auch für die nächsten Jahre wieder organisieren.
Außerdem würde ich mir wünschen zukünftig noch selbständiger zu werden. Die GemüseAckerdemie war ein toller Start für uns. Wir haben viel gelernt, aber nun ist es an der Zeit eigene Sachen zu erproben. Die Saatgutgewinnung wäre für mich jetzt der nächste Schritt. Vielleicht schaffen wir es unsere Jungpflanzen selbst vorzuziehen, sodass wir immer weniger dazukaufen müssen. Die Klassenzimmer eigenen sich doch wunderbar als Gewächshäuser!