AckerNews 10. November 2021

„Ab in die Natur!“ – das war die AckerKonferenz 2021

Die Vision von Christoph Schmitz und Acker e. V.: Mehr Wertschätzung für Natur und Lebensmittel! Acker e. V. / Laurent Hoffmann

Wie wollen wir 2030 leben? Und was müssen wir jetzt dafür tun? Geleitet von diesen Fragen starteten wir bei Acker e. V. vor über einem Jahr in die Planung unseres bislang größten Events. Und dann, am 3. und 4. November 2021, war sie endlich da – die AckerKonferenz.

Zwei Tage lang haben wir mit Wissenschaftler*innen, Sozialunternehmer*innen, Expert*innen und mehr als 800 Teilnehmer*innen auf der AckerBühne und im digitalen Raum diskutiert: über Bildung, gesunde Ernährung und den Weg zu einer nachhaltigeren Gesellschaft. 

 

Lernen durch Erleben

Dass sich all diese Themen nicht isoliert voneinander betrachten lassen, zeigte Stiftungsgründerin Janina Lin Otto gleich zu Beginn der Konferenz in ihrer Keynote „Nachhaltigkeit ganzheitlich denken“. „Schule, Ernährung und Nachhaltigkeit sind keine drei Paar Schuhe, sondern gehören zusammen“, findet die Vorständin der Holistic Foundation und macht damit deutlich: Um die Wertschätzung für Natur und Lebensmittel in der Gesellschaft zu stärken, ist eine Veränderung im Schulsystem essenziell. Dabei sei es unsere Aufgabe, die Weichen für unsere Kinder richtig zu stellen, ihre individuellen Stärken zu fördern und „Lernen durch Erleben zu ergänzen.“

Wie das gehen kann, zeigten auf der AckerKonferenz unter anderem die Bildungsinitiative Klasse 2000, das Acker-Pilotprogramm CampusAckerdemie und das Hamburger Sozialunternehmen climb, das für Schüler*innen „selbstbestimmte Lernferien“ organisiert. Auch climb-Geschäftsführerin Charlotte Frey plädiert dafür, Schulkindern „stärkenorientiert“ zu begegnen: „Die Kinder müssen lernen: ‚Du bist wertvoll, genauso wie du bist und kannst damit jede Herausforderung meistern!‘“

Herausforderungen schaffen

In den folgenden Panels wurde schnell klar: Das Thema Herausforderungen treibt viele um – auch die Schülerinnen und Schüler selbst. In der Podiumsdiskussion „Schule 2030 – Wie sieht eure Schule der Zukunft aus?“ wünschte sich zum Beispiel der 13-jährige Carl Cordes, Schüler der Katholischen Schule St. Franziskus in Berlin, dass es in der Schule „mehr Projekte gibt, bei denen man am Ende denkt: ‚Boah, das habe ich jetzt geschafft!‘“.

„Je mehr Vertrauen du in deine eigenen Fähigkeiten hast, umso leichter fällt es dir, diese Fähigkeiten in die Welt zu tragen“, sagt auch Jamila Tressel. Die junge Unternehmerin ist Mitgründerin der gUG „Herausforderung einfach machen“ und setzt sich seit ihrer Jugend für einen nachhaltigen Wandel im deutschen Schulsystem ein. Sie fordert projektorientiertes und selbstbestimmtes Lernen im Schulalltag. Denn wer sich bereits im Schulalter vermeintlich unbezwingbaren Herausforderungen stellt, entwickelt nicht nur Selbstvertrauen – sondern auch den „Mut, Verantwortung zu übernehmen und die Welt umzugestalten.“

„Wir müssen Schule endlich mal ins 21. Jahrhundert holen“

Der Konsens: Theoriebasiertes Lernen aus Büchern ist längst nicht mehr zeitgemäß. „Wir müssen uns fragen, ob wir Schülerinnen und Schüler wirklich mit den Kompetenzen aus der Schule entlassen, die sie brauchen, um unsere Gesellschaft in Zukunft mitzugestalten“, gab Myrle Dziak-Mahler, Kanzlerin der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in ihrem Impulsvortrag zu bedenken. Gründerin der gemeinnützigen Organisation ArbeiterKind.de Katja Urbatsch, die auf dem Podium mit Robert Greve vom Berufsorientierungsprogramm „Dein erster Tag“ und Anna Meister von der ZuBaKa gGmbH über Sozialunternehmertum im Bildungssektor diskutierte, machte das Anliegen noch deutlicher: „Wir müssen Schule endlich mal ins 21. Jahrhundert holen!“

Dazu gehört auch die Chancengleichheit im Bildungssystem, wie die Gründerin des gemeinnützigen Vereins BildungsCent e. V. Silke Ramelow in ihrem Impuls zur „transformatorischen Kraft von BNE“ hervorhob. Noch immer bestimmen sozialer Status und sozio-ökonomische Herkunft über die Bildungschancen junger Menschen. Deshalb gelte es, unser „Normal“ zu überdenken und sich gemeinsam für eine gerechteres Bildungssystem einzusetzen: „Es geht um die Ermächtigung derer, die keine Stimme haben – und Bildung schafft Ermächtigung, das ist der Weg.“

Die Gesundheit von Mensch und Planet

Eine gesellschaftliche Umgestaltung braucht es dringend, darin waren sich auf der AckerKonferenz alle Speaker*innen einig. Das heißt auch: Wenn wir unsere Lebensgrundlage für zukünftige Generationen sichern wollen, müssen wir als Gesellschaft nachhaltiger handeln – denn unsere Gesundheit ist mit der Gesundheit der Erde untrennbar verknüpft. „Wir müssen uns mehr darüber unterhalten, wie schön wir es haben könnten und wo wir mit der Erde hinwollen“, leitete Wissenschaftsjournalist Dr. Eckhart von Hirschhausen in seinem Grußwort den zweiten Tag der AckerKonferenz ein. „Alles wächst und gedeiht, wenn die Basis stimmt.“

Ein Ansatz zur Erarbeitung einer gesunden gesellschaftlichen Basis ist das Konzept „Planetary Health“, das Prof. Dr. Dr. med. Sabine Gabrysch, Professorin an der Berliner Charité und Leiterin der Abteilung Klimaresilienz am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung PIK, in ihrer Keynote präsentierte. Es macht deutlich, dass unser Überleben als Menschheit von einer gesunden Umwelt genauso abhängt wie vom stabilen Klima. Das Problem: Wir befinden uns in einer „planetaren Notsituation“. Die voranschreitende Erderwärmung führt zu Extremwetterereignissen und Naturkatastrophen, die ungerechte Verteilung von Nahrungsmitteln hat einerseits Hunger und Unterernährung, andererseits chronischen Krankheiten wie Diabetes und Übergewicht zur Folge. „Wenn ein gewisser Punkt überschritten ist, kippt das System“, mahnt Gabrysch. Um unsere eigene Gesundheit und die des Planeten zu schützen, brauche es daher eine „radikale Umgestaltung“ unserer Lebens- und Wirtschaftsweise.

Mit gesundem Essen Menschen und Planeten retten

Eine große Stellschraube auf dem Weg zu einer gesunden Gesellschaft: Unser Ernährungssystem. Mit Monokulturen, langen Transportwegen und energieintensiven Industrieanlagen schaden wir dem Ökosystem Erde. Mit stark verarbeiteten Nahrungsmitteln, übermäßigem Zuckerkonsum und der ungerechten globalen Verteilung von Lebensmitteln unserer eigenen Gesundheit. Die „Planetary Health Diet“ sieht vor allem Obst und Gemüse, aber auch mehr Nüsse und Hülsenfrüchte auf dem Teller der Zukunft vor. Dafür halb so viel Fleisch, weniger Milchprodukte und Eier und deutlich weniger Zucker. In der Podiumsdiskussion „Mit gesundem Essen Menschen und Planeten retten – wie geht das?“ verwies Gesundheitswissenschaftler und Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband Prof. Dr. med. Kai Kolpatzik auf die beunruhigenden Ergebnisse einer AOK-Studie: Laut der Erhebung aus dem Jahr 2020 verfügt mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland über eine problematische oder unzureichende Ernährungskompetenz.

Auf dem Podium wurde jedoch auch klar: Die Zukunft des Planeten liegt nicht nur in den Händen jedes und jeder Einzelnen. „Wir müssen aufhören auf den einzelnen Menschen zu schauen, und am System arbeiten“, meint Dr. Margareta Büning-Fesel, Leiterin des Bundeszentrums für Ernährung BZfE. So könnte eine Anpassung der Gemeinschaftsverpflegung in Schul- oder Betriebskantinen zum Beispiel massive Veränderungen herbeiführen, müsse aber laut Marc Schreiber vom Ernährungsrat Brandenburg mit entsprechenden Bildungsmaßnahmen begleitet werden. Außerdem ist es für Schreiber unabdingbar, die Landwirtschaft stärker zu unterstützen: „Die Landwirt*innen stellen das Ursprungsprodukt her. Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, müssen wir hier als erstes angreifen.“

Über den Wandel sprechen

Auch an Tag 2 der AckerKonferenz kristallisiert sich heraus: Ein Wandel kann nur gemeinsam bewerkstelligt werden. So will Prof. Dr. Tilmann Santarius von der TU Berlin „kooperative statt kapitalistischer Wirtschaftsformen stärken“, um die sozial-ökologische Transformation herbeizuführen. Und Norbert Kunz, Gründer der Social Impact gGmbH, der in seinem Impuls durch die Geschichte des deutschen Sozialunternehmertums führte, blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Fakt ist, dass wir eine Struktur bekommen werden, die soziale Innovationen in hohem Maße fördert.“

Dabei klingt an, was trotz allem Tatendrang nicht vergessen werden darf: Es liegt auch an den politischen Akteur*innen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die einen Strukturwandel in Bildung und Gesellschaft ermöglichen. Wie der Austausch zwischen Wissenschaft, Sozialunternehmertum und Politik gelingen kann, diskutierten am Ende des zweiten Konferenztages Sozialunternehmer Markus Sauerhammer vom Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland SEND, Gründerin und Aktivistin Laura Brämswig von Expedition Grundeinkommen und Klimaforscher Prof. Dr. Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung PIK auf der AckerBühne.

Das Fazit: Obwohl Lobby-Arbeit in der Wissenschaft laut Lotze-Campen ein „schmaler Grat“ sei, dürfe der Dialog mit der Politik nicht ausbleiben. Auch der Aufruf zum gemeinschaftlichen Anpacken, der sich wie ein roter Faden durch die AckerKonferenz zog, blieb bei der Diskussion nicht aus: „Wir kommen nicht voran, wenn wir es nicht schaffen, gemeinsam rauszugehen und unsere Forderungen nach außen zu tragen“, meint Markus Sauerhammer. Und auch Laura Brämswig appelliert: „Wir müssen darüber sprechen, wie wir Dinge ausgestalten wollen!“

Ab in die Natur!

Nach zwei Tagen voller konstruktiver Diskussionen und inspirierender Impulse ist eines besonders klar: Um den Herausforderungen unserer Zeit begegnen zu können, müssen wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln – weg von der profitorientierten Wegwerfgesellschaft, hin zu mehr Nachhaltigkeit. Die Umgestaltung unseres Bildungssystems ist dafür unabdingbar.

Für uns von Acker e. V. bedeutet das: Wir wollen eine neue Kultur des Lernens schaffen. Die Schule der Zukunft soll ein Wohlfühlort sein, der Kinder durch einzigartige Erlebnisse in direkten Kontakt mit der Natur bringt und ein Bewusstsein für gesunde Ernährung vermittelt. In individuellen Projekten und Herausforderungen sollen die Schüler*innen ihre Stärken kennenlernen – und das nötige Selbstvertrauen entwickeln, sie für eine nachhaltigere Gesellschaft einzusetzen. Oder wie es Acker-Gründer Dr. Christoph Schmitz bei der AckerKonferenz als Schlusswort formulierte: „Lasst die Kinder raus – ab in die Natur!“

Wenn wir der Naturentfremdung entgegenwirken und die politischen Weichen stellen, können wir uns zu einer Gesellschaft weiterentwickeln, die Natur und Lebensmittel wertschätzt und ihr Handeln an dieser Wertschätzung ausrichtet. Auf der AckerKonferenz haben wir gemeinsam einen ersten Schritt getan, um diese Vision wahr werden zu lassen. DANKE an alle, die dabei waren – wir können das nächste Jahr kaum erwarten!

Ihr konntet nicht live dabei sein oder habt einen spannenden Programmpunkt verpasst? Auf der Webseite der AckerKonferenz gibt es alle Vorträge und Podiumsdiskussionen von der AckerBühne zum Nachschauen. Spannende Einblicke in unsere Arbeit hinter den Kulissen bekommt ihr außerdem in unserer Fotogalerie.

Autorin: Ronja Auerbacher | Acker e. V. 

Fotos: Laurent Hoffmann | www.jagaland.de