Acker News 22. Oktober 2025

Rückblick voraus: Das war das AckerFestival 2025

Fotos vom AckerFestival am 11.09.2025 in der Malzfabrik in Berlin. Sandra Prengel

100 Speaker*innen, 1.350 engagierte Besucher*innen aus Bildung, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft – ein gemeinsames Ziel auf dem AckerFestival 2025: Ärmel hochkrempeln, und fairen Wandel wachsen lassen! Passend dazu begrüßt Acker-Gründer Dr. Christoph Schmitz die Teilnehmenden begeistert: „Die einzige Konferenz, auf der man nicht schräg angeschaut wird, wenn man Dreck unter den Fingernägeln hat“. Zum Beweis steckt er anschließend gemeinsam mit den Moderator*innen Bianca Praetorius und Julian Janssen motivierend die Hände in einen Bottich voll Erde.

Verantwortung für unsere Erde übernehmen, starke Stimmen und keine leeren Worte: Genau das brachte das Line-up an den folgenden zwei Tagen auf die Bühne.   

Unter dem Motto Fair Play kam hier zusammen, was längst zusammengedacht werden muss: Bildung, Klima, Ernährung, Wirtschaft und Politik. Bei aller Diversität war Konsens: Beim Systemwandel geht es vor allem ums gemeinsam Anpacken. 

„Wenn nicht mit fairen Regeln gespielt wird, müssen wir die Regeln eben neu schreiben!“, griff Baro Vicenta Ra Gabbert Sprecherin für sozial-ökologische Gerechtigkeit bei Greenpeace, das Festivalmotto in der Eröffnungs-Keynote auf. Mit Co-Speaker Fabian Grischkat stimmte sie das bis in die Gänge sitzende und stehende Publikum auf die großen Fragen ein, um die es in den folgenden beiden Tagen gehen sollte: Wie schaffen wir eine gerechte, lebenswerte, ökologische Zukunft? Denn keine Zukunft ist auch keine Lösung!

Weniger Stoff, mehr Sinn: Neue Wege für faire Bildung

Schulbildung geht alle Generationen an – und darin liegt auch die Lösung, schlägt Caroline von St. Ange in ihrem Impulsvortrag zum Track „Bildung und Lernen” vor. Eine kreative Idee brachte die Bildungsaktivistin gleich mit auf die AckerBühne: Warum nicht Rentner*innen als Mentor*innen für benachteiligte Kinder einbinden? Zudem machte sie sich für mehr Aktivismus und ein Growth Mindset stark: die Überzeugung, selbst zu wachsen und uns verändern zu können – und die war auf dem ganzen Festival spürbar. 

Lehrkräfte, Gründer*innen und Vordenker*innen loteten gemeinsam mit dem Publikum Möglichkeiten aus, Schule zu einem Ort des Wandels zu machen. Denn Fair Play im Bildungswesen bedeutet auch, Räume zu schaffen, in denen Lehrer*innen wie Schüler*innen mitgestalten können. 

„Weniger, dafür sinnvollere Schulfächer” lautete ein viel diskutierter Vorschlag. „Neue Schwerpunkte setzen” war ein anderer. Ein Beispiel: Schüler*innen beim Gemüseanbau Natur- und Nachhaltigkeitsbildung mit allen Sinnen vermitteln – wie es Acker mit seinen Bildungsprogrammen seit über 10 Jahren erfolgreich umsetzt.

Weitere Workshops machten Mut, aus Fehlern wirkungsvoll zu lernen oder erarbeiteten konkrete Methoden, um Kinder proaktiv fit für Finanzen zu machen. So unterschiedlich die Lösungsvorschläge auch waren: Alle waren sich einig, dass wir die Bildung von morgen bereits heute gestalten müssen und – das ist die gute Nachricht – auch können. 

Mehr als Geschmackssache: Wie Ernährung gut für Gesundheit und Umwelt wird

Wo sollen Entscheidungen über unsere Ernährung getroffen werden – in Koalitionsverhandlungen oder im Supermarktregal? Auch beim Track „Ernährung und Gesundheit” brachte das AckerFestival Gegensätze auf die Bühne. So waren mit Ophelia Nick (Grüne) und Albert Stegemann (CDU) Vertreter*innen der alten und neuen Bundesregierung mit durchaus konträren Ansichten dabei. Nick forderte mehr politische Rahmensetzung: „Jeder soll essen, was er oder sie möchte – aber Politik muss es allen ermöglichen, sich gut und nachhaltig zu ernähren.” Stegemann verwies auf die Marktlogiken von Angebot und Nachfrage: „Ein Steak aus guter Tierhaltung darf nicht im Kühlregal verschimmeln, weil es sich die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht leisten können.” 

Unstrittig war, dass ein Wandel im Ernährungssystem längst überfällig ist – und ein wichtiger Hebel in der Ernährungsbildung liegt. Sie soll Jung und Alt einen stärkeren Bezug zur Natur vermitteln, wie es auch die Bildungsprogramme von Acker leisten.  

Genuss, Gesundheit und Gemeinwohl beschäftigten auch Ernährungsexpert*innen, einen Chefarzt und einen Bundestagsabgeordneten auf der FreiraumBühne. Dass unter dem luftigen Zwischendach der Malzfabrik kein Stuhl frei blieb, zeigte einmal mehr das große gesellschaftliche Interesse.  

Schnell wurde klar, dass nachhaltige Ernährung kein grünes Thema ist, sondern alle angeht. Denn mit unserem Ernährungsverhalten beeinflussen wir nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch die unserer Erde. Uneinig waren sich die Diskutierenden, ob etwa die Lebensmittelindustrie stärker reguliert oder stärker in die Verantwortung genommen werden solle.  

Als eine effektive Stellschraube für eine flächendeckende, gesundheitsförderliche Ernährung kam auch die Gemeinschaftsverpflegung zur Sprache. Und selbstverständlich konnten die Teilnehmer*innen selbst bunte und kreative Köstlichkeiten genießen, die rund ums Festivalgelände angeboten wurden.

Einladen statt belehren: Wie wir Natur und Klima eine Stimme geben. 

Klar, dass auf einer Veranstaltung von Acker die Landwirtschaft nicht zu kurz kam. Auf einem lebhaften Panel diskutierten Changemaker*innen aus dem Agrarwesen, der Politik und der Wirtschaft, wie Landwirtschaft den Spagat zwischen Umweltschutz und Existenzsicherung meistern kann. Lina Vollmer legte dar, wie ALDI SÜD in einigen Bereichen erfolgreich auf fair produzierte Eigenmarken umstellen konnte. Gleichzeitig dürften einkommensschwache Konsument*innen dabei nicht von nachhaltigem Konsum ausgeschlossen werden. Hier müsse die Politik Planungssicherheit bieten – der Landwirtschaft ebenso wie dem Lebensmittelhandel. 

Fair Play aus der globalen Perspektive betrachten: Dazu lud Klimajournalistin Louisa Schneider mit ihrer eindrucksvollen Video-Klimareise zu fünf globalen Kipppunkten ein. Das Publikum hielt oft die Luft an, so real wirkte etwa der starke Rauch einer Brandrodung – ein emotionales Bild, das die Relevanz direkt im Raum spürbar machte. Doch zu den bedrückenden Bildern lieferte Louisa eine hoffnungsvolle Botschaft: „Jedes Mal, wenn wir diskutieren und anfangen zu handeln, stoßen wir die Dominosteine für einen positiven Kipppunkt an. Werden wir zu einer sozialen Kettenreaktion, die den Wandel herbeiführt!“ 

Mutiges Geld für mutige Ideen: Wer bezahlt den Systemwandel? 

VAUDE-Geschäftsführerin Antje von Dewitz machte in ihrer Keynote zum Track „Wirtschaft und Nachhaltigkeit” Mut zum Wandel: „Wir haben damals erkannt, dass wir Teil des Problems sind – und das hat uns befähigt, Teil der Lösung zu werden.“ So wird nachhaltiges Wirtschaften kein Greenwashing, sondern eine Investition, die sich lohnt – für das Unternehmen, die Mitarbeitenden, die Konsument*innen und die Umwelt.  

Diese Erfahrung teilen auch Expert*innen aus anderen Branchen, wie Steffen Erath (Head of Innovation & Sustainability bei Hansgrohe): „Nachhaltigkeit ist sehr wirtschaftlich. Schließlich geht es darum, mit weniger Ressourcen mehr Wert zu generieren.“

Wie bei jeder wirtschaftlichen Entscheidung bleibt ein Risiko – das zeigten auch die Diskussionen zur Finanzierung von Systemwandel: „Wir brauchen mutiges Geld, um mutige Ideen nach vorne zu bekommen“, forderte Jimdo-Gründer und Investor Fridtjof Detzner. Das Risiko sei es allerdings wert, denn die Zeit für die Umsetzung nachhaltiger Ideen sei begrenzt.  

Klare Sache: Ohne Gründer*innen mit nachhaltigen Ideen steht der Systemwandel auf wackeligen Beinen. Ohne Skalierung allerdings auch – das machte Verena Pausder, Vorsitzende des Deutschen Startup-Verbands, in ihrem Beitrag deutlich.

Im Interview mit Christoph Schmitz riet sie angehenden Sozialunternehmer*innen, das „System zu hacken“ – sprich: neue Finanzierungsmodelle zu finden und so dem Fundraising-Hamsterrad zu entkommen. Genauso wichtig sei aber auch die Selbstfürsorge: Wer sich pausenlos für sein Herzensthema engagiert, darf sich auch mal rausnehmen.

Mit viel Gefühl: Was Emotionen, Politik und Gesellschaft verbindet. 

Die Zuhörer*innen standen dicht gedrängt bis in die Garderobe hinein, um Maja Göpels Keynote „Mut zur Zukunft“ nicht zu verpassen. Die Transformationsforscherin stellte gleich zu Beginn klar, dass Systemwandel nicht in der Komfortzone stattfindet: „Bequemlichkeit ist kein Menschenrecht!“ Die Wahrheit erfordere Mut und stoße daher bei vielen Menschen auf Widerstände. Diese gelte es für die Zukunft zu begeistern – mit einer positiven Vision, die keine Ohnmacht, sondern Mut macht. Beim Publikum kam die Botschaft an, wie der tosende Applaus und die Standing Ovations verrieten.  

Im anschließenden Dialog mit Autor Marc-Uwe Kling traf Optimistin auf Zyniker – beste Zutaten also für ein unterhaltsames Gespräch. Der eine brachte die ernüchternden Tatsachen auf den Punkt, die andere wagte einen positiven Blick in die Zukunft: „Wie kommen wir von diesem Torpedo zu einem ‚Es wird schöner‘?“ Darauf hatte Marc-Uwe Kling die passende Antwort: „Humor! Mit Humor erreichst du auch Menschen, die keine Dokus gucken oder Studien lesen.“

Humor kam im Track „Politik und Gesellschaft” erstaunlich oft vor. Und das zu Recht – denn gerade bei ernsten Themen können Lachen und Spielen Brücken bauen, wie Gründer Waldemar Zeiler bei seinem Play Date bewies.  

Um eine weitere kraftvolle Emotion – unsere Wut – ging es im anschließenden Panel, in dem Micha Fritz, AckerCoachin Jenny Wolgast und die Präsidentin des Landfrauenverbandes, Petra Bentkämpfer, aufeinandertrafen. Letztere sorgte sich, dass gerade im ländlichen Raum die Wut stark wachsen – hier brauche es Wertschätzung und demokratische Stärkung, um extremen Parteien nicht das Feld zu überlassen. Weniger von Wut als von Mut getrieben, zeigte sich Viva con Agua-Gründer Micha Fritz, um „geile, ehrliche und authentische Angebote für junge Leute“ zu schaffen.  

Was gibt uns Kraft und Lebensmut nach Krisen? Schauspieler und Autor Samuel Koch hat nach seinem schweren Unfall Zeit gebraucht, bis er wieder gespürt habe: „Das Leben kann vielleicht doch weitergehen, auch wenn erst mal keine Perspektive da ist.“ Wichtig sei, von einer besseren Welt zu träumen – denn das beeinflusse nicht nur unser Denken, sondern auch unser Handeln.

Aktiv für eine bessere Welt handeln bereits sechs Changemaker*innen, die ihre Projekte im Schwarmraum vorstellten. Hier war das Publikum gefragt, den Projekten mit konkreten Ideen wertvolle Unterstützung zu geben. Der Festival-Hauptpartner Deutsche Postcode Lotterie ließ finanzielle Unterstützung folgen und überreichte den Initiativen einen Scheck über 3.000 Euro. 

Ein Festival zum Anfassen, Mitmachen und Mitnehmen

Wer den Kopf voll von neuen Ideen und Impulsen hatte, dem bot das AckerFestival auch viel fürs Herz, Hände und Beine: Auf zahlreichen Workshops konnten Teilnehmer*innen z. B. Pesto aus Möhrengrün herstellen, sich auf der AckerBühne live coachen lassen, über Zukunftsszenarien bauen, Bauernhof-Bingo spielen, aus Pilzen Blumentöpfe herstellen und vieles mehr.  

Einen großen Teil des Freiluftgeländes nahm der Markt der Möglichkeiten ein. An den zahlreichen Ständen von Initiativen und Organisationen gab es zwar nichts zu kaufen, aber viel mitzunehmen: Inspiration, mutige Lösungen und Gespräche auf Augenhöhe.  

Ein weiteres Highlight war der Live-Podcast von Das Neue Geben mit Christoph Schmitz und Lawrence Leuschner, bei dem die Zuhörer*innen den bewegenden Gründerstorys der beiden lauschten. Bewegung brachten abends auch die DJs auf den Dancefloor und sorgten so dafür, dass das Festivalfeeling nicht zu kurz kam. 

Bestandsaufnahme von morgen: Was bleibt vom AckerFestival?  

Was vom AckerFestival bleibt, haben wir selbst in der Hand. Denn eines haben alle Sessions und Beiträge deutlich gemacht: Die Antwort auf gesellschaftliche Ungleichheit oder überschrittene Kipppunkte heißt nicht Pessimismus und Extremismus, sondern Systemwandel.

Dass der längst begonnen hat, war in jedem Wort auf der Bühne oder am Stehtisch zu spüren. Um mehr Fair Play in alle Bereiche der Gesellschaft zu bringen, müssen wir mehr Mut wagen, mehr Mut machen und uns breiter vernetzen. Kurz: Was das AckerFestival im Kleinen geleistet hat, ist reif für die gesellschaftliche „Skalierung“. Denn Themen wie Klima und Ernährung gehören keiner Partei oder Bubble, sie gehen alle an.

Der ungewohnte Ansatz, Themen- und Denksilos aufzubrechen, war ein Wagnis und hat sich voll ausgezahlt. Die unterschiedlichen Expertisen und Perspektiven brachten die gemeinsamen Ziele umso deutlicher zum Vorschein. Und die thematische Breite und die optimistische Grundstimmung haben eindrücklich aufgezeigt: Wir haben nicht viele Probleme, sondern viele Aufgaben. Packen wir sie an!

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