AckerPortraet 01. Dezember 2021

Die AckerPerle Mittelschule Erlangen-Eichendorffschule

Schüler*innen fahren reiche Ernte ein. Mittelschule Erlangen-Eichendorffschule

An der Eichendorffschule in Erlangen wird anders gelernt – die Mittelschule hat ihre Strukturen umgekrempelt, um einen zeitgemäßen Bildungsort zu schaffen: An der Ganztagsschule gibt es nun mehrere „Schulen in der Schule“, die eigenverantwortlich arbeiten. Dazu gehören zum Beispiel die Filmschule, die Kunstschule – und die Ackerschule, die von AckerLehrer Erik Brummel geleitet wird! Die Idee: Kreativ, verantwortlich und mutig lernen und die Schüler*innen in ihren individuellen Begabungen stärken. Was für ein Vorbild! Weil die die Eichendorffschule die GemüseAckerdemie durch die Ackerschule ganz besonders gut in ihren Schulbetrieb integriert hat, gehört sie zu unseren „AckerPerlen“. Für diese Rubrik haben wir im Rahmen unserer Wirkungsanalyse Schulleitungen, Lehrer*innen und Schüler*innen von AckerSchulen interviewt, die sich durch besondere Schulkonzepte auszeichnen. In den kommenden Wochen stellen wir euch hier noch einige weitere Schulen vor – seid gespannt!

Autorin: Lena Hetzer

Fotos: Mittelschule Erlangen-Eichendorffschule

Steckbrief

Ort: Erlangen

Bundesland: Bayern

Schulform: Mittelschule (Ganztagsschule)

Schüler*innen: 390

AckerKlassen: 5. bis 7. Klassenstufe

Anzahl Lehrer*innen/Mitarbeiter*innen: 48

Anzahl AckerLehrer*innen: 3

AckerSchule seit: 2019

Größe des Ackers: 54 m2

Die Mittelschule Erlangen-Eichendorffschule liegt „in einem Stadtteil, der von Migrationsbiografien und auch Armut geprägt ist“, erzählt Helmut Klemm, der seit zwölf Jahren Schulleiter an dieser Schule ist. Erik Brummel, der derzeitige AckerLeh­rer, fügt hinzu, dass die meisten Schüler*innen aufgrund ihrer Bildungsbenachteiligungen eine „verkorkste Schulvergangenheit“ haben und die Grundschulzeit als Scheitern erlebt haben. Beide sind jedoch fest davon überzeugt, dass die Schü­ler*innen viele Potentiale in sich tragen und Schu­le ein Bildungsort sein sollte, an dem Schüler*in­nen diese entfalten können.

„Wir wissen heute, dass wir Kinder nichts eintrichtern können. Wir müssen sie zum Subjekt ihres Lernens machen.“ (Helmut Klemm)

Aus diesem Grund gibt es in der Schule, neben dem „klassischen Lernen“ eine Menge verschiede­ner Lernarrangements. Sie reichen von Lernbüros, in denen das eigenverantwortliche und selbstor­ganisierte Lernen im Mittelpunkt steht, über das Fach „Verantwortung“ bis hin zu gemeinschaft­lichen Aktivitäten wie dem Schulfrühstück und dem Mittagessen. Auch die Schulstruktur selbst ist etwas anders als gewöhnlich organisiert. So exis­tieren innerhalb der Schule mehrere „Schulen der Schule“. Das sind „eigenverantwortliche und au­tonome Zellen innerhalb der Schule“, erklärt Hel­mut Klemm. Es gibt die „Ackerschule“, die „Film­schule“, die „KICKFAIR Schule“, die „Kunstschule“ und die „Gesunde Schule“. Jede der Schulen ver­folgt ein eigenes Curriculum und bietet verschie­dene Projekte und Arbeitsgemeinschaften für die Schüler*innen an. Diese können sich entscheiden, welche Schule sie besuchen möchten. Erik Brum­mel ist nicht nur AckerLehrer, sondern auch Leiter der „Ackerschule“. Als Leiter kann er eigene Ide­en umsetzen und Curricula ausarbeiten. „Daraus entwickelt sich eine eigene, sehr starke Dynamik in Hinblick auf das Schulleben,“ berichtet Schul­leiter Klemm zufrieden. Fokus der „Ackerschule“ ist die Pflege des Schulackers. Diesen gibt es seit zwei Jahren an der Schule. Als Erik Brummel das erste Mal von der GemüseAckerdemie hörte, hat­te er Bedenken „da die Arbeitsbelastung eh schon hoch ist an der Schule“.

Überzeugt hat ihn der Ansatz eines naturnahen Lernortes: „Nachhaltigkeitsbildung macht mei­ner Meinung nach keinen Sinn, wenn man nur akademisch sagt, wie gefährlich der Klimawan­del ist und was auf uns zukommt.“ Wichtiger sei es, einen emotionalen Bezug zu schaffen. Auch Helmut Klemm war von der Idee eines Schul­ackers begeistert. Er hatte schon länger die Idee, den Schüler*innen die Möglichkeit zu bie­ten, Pflanzen hegen und pflegen zu können und zu erleben, wie diese wachsen. Denn die Schü­ler*innen kommen sonst nur wenig mit Natur in Berührung. Erik Brummel hatte somit von An­fang an „das Gefühl, dass die Schule als Ganzes dahintersteht“.

„Ich finde es gut, dass man viel über Pflan­zen lernen kann, wie man die anpflanzt und was man da beachten muss. Dann kön­nen wir auch wissen, wie das bei den Bau­ern ist." (Tristan, 14 Jahre)

Und diese Unterstützung erfährt der AckerLeh­rer nicht nur durch Worte, sondern insbesondere durch Taten: So werden ihm wöchentlich sechs Arbeitsstunden gewährt, die er voll und ganz dem Acker widmen kann. Vier der sechs Stunden nutzt er für den Unterricht auf dem Acker, der mit Schü­ler*innen von der 5. bis zur 7. Klassenstufe statt­findet. „Ich habe jetzt annähernd 20 Ackerschüler, die als ein Wahlfach Ackerschule gewählt haben“, erzählt er. Dimitra (12 Jahre) ergänzt: „Am Anfang, da dachte ich jetzt, was an Gemüse so toll sein soll, also gar nichts eigentlich. Dann habe ich ge­lernt, dass Acker Spaß machen kann.“

„Mir ist es wichtig, dass jeder Schüler mindestens einmal die Ackerschule besucht hat“, betont Erik Brummel. So ist es zum Ritual geworden, dass die Fünftklässler, die neu an die Schule kommen, den ersten Pflanztermin übernehmen und dazu einen Obstbaum anpflanzen – als Symbol dafür, dass sie am Ende „die Früchte des Erfolgs in den Händen“ halten können. Helmut Klemm fügt hinzu: „Über solche Rituale wird verhindert, dass der Garten eine reine Arbeitsgemeinschaft von ein paar Kin­dern und einer netten Lehrerin ist, sondern dass die Aktivitäten der Ackerschule sichtbar werden und viele Kinder in deren Genuss kommen.“

„Die GemüseAckerdemie wird an Schulen nur dann funktionieren, wenn sie ein Bestandteil von der Schule ist, im Sinne von etwas Ganzheitlichem.“ (Helmut Klemm)

Die anderen beiden Arbeitsstunden nutzt Acker­Lehrer Erik Brummel flexibel, je nachdem, was ge­rade auf dem Acker ansteht. Dabei erfährt er die wohl größte Unterstützung, die er von seinen Kol­leg*innen bekommen kann: Wenn eine Aufgabe er­ledigt werden muss, geht er in den Kunstunterricht, bei dem es „flexibel ist, was wer wie arbeitet“ und bittet zwei bis sechs Schüler*innen, ihn auf dem Acker zu unterstützen. Er genießt es sehr, die Mög­lichkeit zu haben, mit wenigen Schüler*innen zu ar­beiten und rät: „Alltägliche Ackerarbeit sollte nicht über sechs Schüler hinausgehen, sonst bräuchte man mehr Lehrkräfte.“ Dass die Kolleg*innen die Schüler*innen für Arbeiten auf dem Acker aus ihrem Unterricht freistellen, „ist einfach in unserer Schuldenkweise drin – das gehört dazu“, erklärt er. „Nur durch diese Denkweise erhält man statt eines Kleinprojekts eines einzelnen Lehrers ein Großpro­jekt.“ Auch der Schulleiter stimmt zu, dass Ideen nur dann Erfolg haben, wenn sie von mehreren Menschen getragen werden: „Meine zwölfjährige Erfahrung sagt mir, für bestimmte Aktivitäten und Initiativen braucht es eine Grundlage. Ein vorhan­dener Acker ist das wenigste – es braucht schon auch diese Haltung zu den Dingen.“

Nicht nur Erik Brummel selbst, sondern auch sei­ne Kolleg*innen sind interessiert daran, den Ju­gendlichen die Themen Ökologie und Ernährung näher zu bringen. Neben dem Gemüseacker gibt es an der Schule eine Obstwiese, eine Kräuter­spirale, ein Areal mit Beerensträuchern und ei­nen Bienengarten, um die sich ein paar Kolleg*in­nen kümmern. Zudem ist die „Ackerschule“ eng verknüpft mit der „Gesunden Schule“, in der die Schüler*innen das Gemüse weiterverarbeiten und verkochen. „Wir können auch manchmal in der Pause zum Acker hingehen und etwas von dem reifen Gemüse essen. Das finde ich gut“, be­richtet Viola (13 Jahre). Selbst die „FilmSchule“ hat bereits einen Kurzfilm darüber gedreht, wie man eine Gemüsesuppe herstellt.

„Wir machen jetzt zusammen Mathe so wie wir zusammen auf dem Acker sind und am Ende haben wir die Früchte unseres Erfolgs - das ist unser großes Motto in der Klasse.“ (Herr Brummel)

Erik Brummel ist begeistert davon, wie sich das gemeinsame Ackern positiv auf den Zusammen­halt der Siebtklässler auswirkt. Die Schüler*innen ackern schon im dritten Jahr miteinander und nach den Beobachtungen ihres Lehrers sind die Sozialkompetenzen im Vergleich zu anderen Klas­sen viel stärker ausgeprägt. „Durch den Acker hat man viel Teamarbeit und dann versteht man sich auch besser untereinander“, erklärt Schülerin Vi­ola. Es ist in der Klasse zur Selbstverständlichkeit geworden, sich gegenseitig zu unterstützen, Ver­antwortung zu übernehmen und die Bereitschaft zu haben, „etwas anzupacken und etwas zu Ende zu bringen“, berichtet Erik Brummel und ergänzt: „Ich bin sehr stolz auf die Klasse.“

Sogar die Einstellung zu ihrer Ernährung hat sich bei den Schüler*innen geändert. So erklärt Quen­tin (13 Jahre): „Ich war früher immer der Mensch, der gesagt hat: ‚Nee, kein Gemüse‘ oder ‚wenig Gemüse‘. Das habe ich mir ein bisschen abge­wöhnt.“ Hadi (13 Jahre) erzählt stolz, dass er in den Sommerferien sehr viel Gemüse geerntet und zu Hause verkocht habe. „Da hatte ich irgendwie aufgehört Fleisch zu essen.“ Es kommt aber auch mal vor, dass Erik Brummel rohes Gemüse anbie­tet und alle sagen „Nee, das wollen wir jetzt nicht.“ „Das passiert auch“, gesteht der Lehrer lächelnd.

Wie ist es möglich, dass der Schulacker an der Eichendorffschule von Vielen getragen wird und so gut verwurzelt ist? Helmut Klemm sieht hier einen großen Einfluss der Schulkultur, die so gestaltet sein sollte, dass sich menschliche Po­tentiale entfalten können: „Durch Fortbildun­gen, durch Vorleben, kollegiale Hospitation und Teamarbeit“, erklärt er und ergänzt: „Man braucht halt auch ein bisschen Mut.“

3 Tipps für angehende AckerLehrer*innen von Erik Brummel:

  • Regelmäßig Hacken und Mulchen!
  • Geduld haben! Mit zunehmender Erfahrung und besserer Bodenqualität (durch das Mulchen) wächst alles besser mit der Zeit.
  • Den Kindern öfter mal freie Hand lassen und es locker nehmen, wenn mal etwas kaputt geht ;)